Mein Privatleben erschien mir oft wie ein dunkler Schatten. Wenn ich selbst hell genug strahle, sieht kein Mensch, was sich hinter mir eigentlich verbirgt. In Vertrauenskonstellationen konnte ich schon ein grobes sachliches Bild skizzieren, welches allerdings nie meiner echten Wirklichkeit entsprach.
Hätte ich im Detail beschrieben und erklärt, was ich privat miterlebe oder miterlebt hatte, dann hätte das meine Ansprechpersonen zu sehr erschüttert, verwundert, irritiert oder mich beschämt.
Und so verdrängte oder ertrank ich meine Erlebnisse mit Arbeit oder in Rotwein oder anderen alkoholischen Getränken und Suchtmitteln oder suchte nach emotionaler Wärme im World Wide Web.
Wir gewöhnen uns daran zu leben und zu leiden.
„DER MENSCH IST EIN GEWOHNHEITSTIER.“
Rückblickend meine ich fiel der Satz in meinem Umfeld immer dann, wenn sonst keine konstruktive Antwort mehr zu finden war.
„Rüdiger weiß, dass er kein süßes Gebäck essen darf, und doch erwische ich ihn immer wieder mit Puderzucker im Schnauzbart“,
stigmatisiert eine Angehörige eines chronisch erkrankten Typ2-Diabetes Patienten.
Mein Opa Hans hatte immer süße Eierplätzchen, die es in den großen durchsichtigen Plastiktüten gab, in seiner Brusttasche wenn wir zusammen auf Wochenendausflügen unterwegs waren. Immer wenn ich mich im Auto an seine Schulter anlehnte, roch ich die Plätzchen und den Eukalyptus seiner Bonbons.
Zu den beobachtbaren Verhaltensweisen in meinem Umfeld passte die Gewohnheitstier-Aussage meistens ziemlich gut. Diese Art von Gesprächen führen wir in unseren Leben oft stunden- oder tagelang (würden wir die Redezeit aneinander rechnen).
Wenn du gerade denkst „oder auch wochen- und monatelang“, dann weiß ich, dass du die so lapidar daherkommenden emotionalen Belastungen und Stressgefühle in dysfunktionalen Systemen gut kennst oder nachvollziehen kannst.
Vor allem die manipulierende oder bagatellisierende Kommunikation rund um gesundheitsschädigendes oder emotional verletzendes Verhalten von Menschen in verantwortungsvollen Rollen wird euch in diesem Kontext ein Begriff sein, mutmaße ich.
Bei chronisch erkrankten Menschen, die an einer Alkoholabhängigkeit litten, waren die Antworten in Alltagsgesprächen anders. Entweder war es betretenes Schweigen, Ignorieren oder Augenrollen und äffendes Verhalten hinter dem Rücken der betroffenen Personen. War das Konsumverhalten oder die beobachtbaren Folgeerscheinungen meiner Mutter beobachtbar, hatte sie sich laut Aussagen anderer Menschen mal wieder nicht im Griff. Dann war sie wieder schwach. Dann kam ihr verdorbener Charakter wieder in ihr durch. Der Fluch, den sie von einem Elternteil vermeintlich noch geerbt hatte.
„Es war der Teufel in ihr“, dachten so manche Mitmenschen früher über Frauen, die psychisch erkrankten.
„Wenn sie trank, war sie ein anderer Mensch“, weiß ich über mich und viele weitere Frauen mit viel Verantwortung und Alkoholproblemen.
Im Fall von Alkohol kommen wir lieber nicht so früh auf ein Gewohnheitstier zu sprechen. Das Tierchen kommt bei uns im Gegensatz zu den anderen nur zu besonderen Momenten oder nach besonderen Leistungen.
Sonst müssten wir ja viel stärker darüber nachdenken, dass Alkoholtrinken unabhängig vom Charakter eine Gefahr für uns alle darstellt.
Steckt in Dir ein Gewohnheitstier
- dann sei regelmäßig #alkoholfrei gut zu Dir.
Happy Weekend 🫶